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Übungsfall 5 "Nestwärme"                                                                       Originallösung eines Studenten  

Nestwärme ?
 
Am 19.5.2001 wurde ein 5 Tage alter Säugling um 21.35 Uhr wegen einer am Gesäß aufgetretenen Dermatitis nackt im Säuglingskörbchen von der Schwester B unter eine Wärmelampe Marke „Original Hanau“ gelegt.

Schwester A, die den Frühdienst versah, hatte bei der Übergabe gegen 13.45 Uhr der Schwester B erklärt, dass der Säugling am Gesäß stark wund sei und deshalb wohl am besten nach der letzten Stillzeit ( normalerweise zwischen 20.00 und 20.45 Uhr ) nicht gleich zu den anderen Säuglingen gelegt werden, sondern völlig nackt ausgezogen und samt seinem Säuglingskörbchen unter die Wärmelampe „im kleinen Raum“ gelegt werden sollte.

Gegen 21.55 Uhr kam die Nachtschwester P. Bei der Übergabe erklärte Schwester B, dass laut Schwester A das Kind nackt unter der Wärmelampe liegen sollte. Schwester B hat dann gegen 22.00 Uhr die Säuglingsstation verlassen.

Schwester P wurde in der Nacht vom 19. auf den 20.5.2001 erstmals von dem Krankenpflegeschüler S begleitet, der ihr zuvor unbekannt war. Der 24-jährige S war kurz vor dem Krankenpflegeexamen und machte einen umsichtigen und vertrauensvollen Eindruck.

P und S schauten nach der Übergabe sogleich nach dem Säugling. Beide gingen davon, dass die Behandlung ganz einfach dadurch erfolgen sollte, dass Luft an den Körper gelangt. Beide gingen zutreffend davon aus, dass die Wärmelampe nur die Funktion hatte, die Körpertemperatur des Kindes zu halten und eine Verkühlung zu vermeiden. P und S nutzten die Wärmelampe erstmalig in dieser Form.

P und S kamen überein, dass es Aufgabe des S sein soll, die Bestrahlung eigenständig zu überwachen. Arbeitsteiliges Zusammenwirken mit zugewiesenen Schülern ist für die Nachtwache keine Besonderheit. Der Stellenschlüssel des Krankenhauses lässt gar keine andere Vorgehensweise zu. Die Arbeit wäre mit einer Person kaum zu schaffen. Deshalb werden der P regelmäßig Schüler für die Nachtwache zugeordnet.

Etwa gegen 22.15 Uhr sah S nach dem Säugling. Ihm erschien die von beiden Birnen der Wärmelampe ausstrahlende Wärme zu hoch, weshalb er eine Birne ausgeschaltet hat. In der Folgezeit sah S in Abständen von 15-30 Minuten nach dem Säugling. Zwischen 1.00 Uhr und 1.30 Uhr hat er das Kind gefüttert. Dabei ist S angeblich nur eine leicht erhöhte Körpertemperatur aufgefallen, der er aber keine Bedeutung beigemessen hat. Bis etwa 3.30 Uhr schaute er wieder in regelmäßigen Abständen von 15-30 Minuten nach dem Säugling, ohne dass ihm irgendetwas aufgefallen wäre. Zwischen 3.30 Uhr und 5.00 Uhr ging S wieder zum Säugling, um ihn absprachegemäß vor dem Einsetzen der Frühschicht wieder zurück an seinen Platz ins Kinderzimmer zu bringen.

S schaltete die Wärmelampe aus und trug den Säugling mit seinem Körbchen aus dem Nebenraum in den Säuglingsraum. Dabei fiel S eine starke Rötung des Rückens auf. Er nahm deshalb den Säugling aus dem Körbchen und bemerkte, dass die Hautfarbe auf der Bauchseite fahlweis war. Das Kind zeigte keine Bewegungen mehr und hatte eine flache Atmung.

S ist mit dem Kind sofort zur Nachtschwester P gegangen. P hat dann die diensthabende Hebamme gerufen und kurz darauf den diensthabenden Arzt. Gegen 6.00 Uhr wurde dann das Kind die Kinderklinik verlegt. Die Haut am Rücken war zu 30 % verbrannt. Wegen den Verbrennungen musste das Kind über einen Zeitraum von 4 Wochen länger als vorgesehen in der Kinderklinik verbleiben. Das Kind hatte erhebliche Schmerzen.

Aufgrund von Messversuchen wurde objektiv festgestellt, dass bei Betrieb von zwei Birnen der Wärmelampe und bei einer Raumtemperatur 24°C die Temperatur im Säuglingskörbchen nach 5 Minuten 33°C , nach 10 Minuten 39°C, nach 15 Minuten 43°C, nach 20 Minuten 47°C, nach 25 Minuten 49°C, nach 30 Minuten 51°C, nach 35 Minuten 52°C, nach 40 Minuten 53°C nach 45 Minuten 55°C, nach 50 Minuten 56°C und nach 2 Stunden 60°C beträgt.

Es wurde festgestellt, dass bei Betrieb von einer Birne der Wärmelampe und einer Raumtemperatur von 24°C Grad die Temperatur im Säuglingskörbchen nach 15 Minuten 41°C, nach 20-30 Minuten 42°C und nach 3 1⁄2 Stunden 45°C und nach 4 Stunden 47°C Grad beträgt.

Ein Sachverständiger hat festgestellt, dass eine Schädigung des Kindes infolge Temperaturerhöhung erst nach 21.55 Uhr eingetreten sein kann.

Der Vorfall wurde mit der Pflegedienstleitung besprochen. In diesem Gespräch waren A, B und P der Auffassung, dass Ihre Idee mit der Wärmelampe doch nicht schlecht gewesen wäre. Zwar wird eine Wärmelampe generell nur kurzfristig beim Wickeln oder ärztlichen Untersuchen eingesetzt, aber sie hätte sicherlich auch prima zur Wundheilung funktioniert, wenn der S nicht so fahrlässig gewesen wäre. Hätte man regelmäßig die Strahlungstemperatur am Säugling gemessen, wäre nichts passiert und die Wundheilung optimal verlaufen. Warum der S die erhöhte Temperatur nicht festgestellt hat, kann sich P nicht erklären. Sie ging selbstverständlich davon aus, dass S die Temperatur überwacht. Was hätte er auch anderes überwachen sollen. Bei einem Schüler im 3. Ausbildungsjahr könne sie weitgehend selbständiges Arbeiten erwarten. Letztlich könne P auch nicht das ganze Risiko, das mit einer Ausbildung verbunden ist, alleine tragen. Solange des Krankenhaus ausbildet, solange würden auch Fehler durch Schüler passieren. Diese Fehler könnten nicht einfach an die Mitarbeiter „abgedrückt“ werden. Die Eltern des Kindes müssten sich wegen Schadenersatz etc. – wenn überhaupt – an den Träger des Krankenhauses oder den schlampigen S wenden.
S gab an, er habe die Temperatur regelmäßig dadurch geprüft, dass er seine Hand zwischen Kind und Lampe gehalten habe. Aus hygienischen Gründen habe er das Kind nicht berührt. Schließlich habe er in der Nacht auch noch an anderen Patienten gearbeitet. Da er sich nicht vor jeder Kontrolle, also alle 15-30 Minuten, die Hände waschen könne, verbot sich der direkte Kontakt mit dem Kind. Letztlich könne man ihm doch kein Vorwurf machen, er sei schließlich nur zur Ausbildung hier.
P ist 47 Jahre, Mutter von 2 Kindern ( 17, 21) und seit über 15 Jahren in dem Krankenhaus als Nachtwache eingestellt. Bisher gab es keine Beanstandungen. Seitens der Kollegen wird P als engagiert, souverän und zuverlässig beschrieben. P erhält monatlich ein Nettogehalt in Höhe von ca. 2200,- €.

Ein pflegerisch-medizinisches Gutachten kommt zum Ergebnis, dass der Einsatz der Wärmelampe zur Wundheilung grundsätzlich sachgemäß sein kann. Dies würde jedoch eine strenge Kontrolle erfordern.

Die Eltern des privat versicherten Kindes wollen den Vorfall nicht auf sich beruhen lassen. Sie verlangen von der P für ihr Kind Schmerzensgeld in bisher noch nicht bezifferter Höhe und Ersatz der Behandlungskosten in Höhe von 10.000,- €. Sie nehmen P und nicht den Krankenhausträger in Anspruch, um sicher zu gehen, dass derartige Vorfälle für die Zukunft nicht mehr vorkommen.
 
1. Frage

Können die Eltern des Kindes die Nachtschwester P wegen Ersatz der Behandlungskosten und Schmerzensgeld in Anspruch nehmen?

Bitte prüfen Sie im vorliegenden Fall den/die in Frage kommenden Ansprüche. Nehmen Sie im Rahmen der Anspruchsprüfung zu jedem Prüfungspunkt mindestens
mit einem Satz Stellung. Gehen Sie davon aus, dass die Eltern gesetzlich dazu  berechtigt sind, für das Kind Ansprüche geltend zu machen.
Wichtig ist nicht Ihr Ergebnis, sondern Ihre Argumentation !
 
2. Frage

Kann P von ihrem Arbeitgeber (den Träger des Krankenhauses) verlangen, dass sie von Schadenersatzansprüchen freigestellt wird ?

Für den Fall, dass Sie bei Frage 1 der Ansicht waren, dass P gegenüber dem Kind nicht zum Schadenersatz/Schmerzensgeld verpflichtet ist, erläutern Sie bitte die Voraussetzungen eines Freistellungsanspruchs.

3. Frage

Nehmen Sie kurz dazu Stellung, ob Frage 1 anders zu beantworten wäre, wenn die Eltern des Kindes bzw. das Kind gesetzlich versichert wäre/n.