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Übungsfall 7

 

„Jeder fängt mal an !

 

Bei dem 77 jährigen Friedhelm K. wurde im Juni 2005 in der Universitätsklinik in Münster die operative Ausräumung von Ablagerungen an den Innenwänden der, nur noch eingeschränkt durchgängigen, Kopfschlagader (Carotisdesobliteration) vorgenommen. Nach dem Eingriff wurden K zur Vermeidung von Hirnödemen und zur Herabsetzung des Thromboserisikos über längere Zeit die Mittel Decadron® und Liquemin® intramuskulär injiziert. Einige Tage nach der Verlegung des K von der Intensivstation auf die internistische Allgemeinstation bildete sich am 14. Juni 2005 am Gesäß des K ein Spritzenabszess, der sich nur als schwer beherrschbar erwies. Bei dem K, der deswegen erneut intensiv-medizinisch behandelt werden musste, kam es zweimal zu lebensbedrohenden septischen Schockzuständen. Dies machte einen weiteren, fast vierwöchigen Krankenhausaufenthalt notwendig.

K teilt mit, es sei bei einer Injektion am Tage vor der Entzündung zu einem Zwischenfall gekommen: Der Schüler Karl-Heinz S. habe offensichtlich beim Ansetzen der Spritze Probleme gehabt. Es hat sich herausgestellt, dass es sich bei S um einen 19 jährigen Schüler handelt, der nach Qualitätskriterien des Krankenhauses erst am Vortag den „Spritzenschein“ erhalten hat. Der Spritzenschein soll hausintern darüber Auskunft geben, dass der Schüler persönlich dazu in der Lage ist, unter anderem intramuskuläre Injektionen vorzunehmen.

Bei der Vernehmung des S stellt sich heraus, dass er bei Vergabe der Spritze tatsächlich Probleme hatte. Deshalb hat er nach dem ersten vergeblichen Injektionsversuch die examinierte Pflegekraft Ute P. herbeigeholt. Es sollte eigentlich die erste allein vorgenommene intramuskuläre Injektion für S sein. Er war aber zu nervös. S benetzte die Injektionsstelle mit dem Desinfektionsmittel Cutasept® und setzte dann sofort die Spritze. Diese ist infolge seiner zu großen Zaghaftigkeit zuerst nicht weit genug hineingegangen und musste letztlich von P nachgeschoben werden.

In der Gebrauchsanweisung für Cutasept® heißt es wie folgt:

“Zur Hautdesinfektion vor Injektionen und Blutentnahmen mindestens 15 Sekunden, vor Punktionen von Gelenken, Körperhöhlen, Hohlorganen und bei Bagatellverletzungen sowie zur Prä- und postoperativen Hautdesinfektion nach gründlicher Benetzung mindestens 1 Minute einwirken lassen. Bei talgdrüsenreicher Haut mindestens 10 Minuten feucht halten. Gem. DGHM: Hygienische Händedesinfektion mind. 2 x 5 ml - 5 Min. einreiben.“

Der Allgemeinzustand des Patienten K war am Tag der Injektion durch die seit mehreren Tagen andauernde Gabe von Decadron-Phosphat®  erheblich herabgesetzt. Ein Gutachter führt hierzu nachträglich aus, dass der K deshalb für Spritzenschäden besonders disponiert war.

Der Schüler S ist sich keiner Schuld bewusst. Er hat sich noch vor Dienstbeginn auf seine erste allein zu vergebene Spritze gut vorbereitet. Er hat mit einer Apfelsine „geübt“.

S sieht sich aber auch bereits deshalb nicht für die Beeinträchtigung des K verantwortlich, weil auch bei vorschriftsmäßiger örtlicher Hautdesinfektion und Anwendung von sterilem Injektionsinstrumentarium beim Einstich der Kanüle winzige Hautpartikel mit an ihnen haftenden Keimen in die Tiefe des Gewebes gepresst werden können, die zu Infektionen führen, deren Bewältigung durch den Organismus von der Virulenz der Erreger und der Widerstandskraft des Patienten abhängt. Allein aus dem Auftreten eines Spritzenabszesses könne nicht ein Behandlungsfehler gefolgert werden. Es könne ihm niemand nachweisen, dass er kausal für die eingetretenen Unannehmlichkeiten des K verantwortlich ist. Er findet es im übrigen eine „Sauerei“, dass er als Schüler bei derartigen Risikopatienten eingesetzt wird. Das habe er schon gedacht, als ihm die Stationsleitung den Auftrag zur Injektion gegeben hat.

Ein Gutachten hat ergeben, dass die Beeinträchtigungen des K auch unter normalen Umständen hätten auftreten können und dass nicht auszuschließen ist, dass sich in der Infektion ein allgemeines Lebensrisiko verwirklicht hat.

S ist sich zwar darüber im Klaren, dass die erste vergebene Spritze nach Erteilung des Spritzenscheins „suboptimal“ verlaufen ist. Er beschwert sich darüber, dass er die Desinfektion bei seiner Ausbildung für den Spritzenschein falsch gelernt habe. So wie es in der Gebrauchsanweisung für Cutasept® steht, könne man die Desinfektion bereits auch deshalb nicht ausführen, weil dies viel zu lange dauert und den gesamten Stationsablauf aufhalten würde. Deshalb hält sich auch keiner im Krankenhaus daran. Deshalb wird es den Schülern auch anders gelehrt. Wenn er sich nicht auf sein Arbeitgeber und die von ihm eingestellten Ausbilder verlassen könne, auf wen soll er sich denn sonst verlassen ? Die Gebrauchsanweisung von Cutasept® kennt er nicht. Wer kennt schon alle Gebrauchsanweisungen bzw. hat Zeit dazu, diese zu lesen.


Der Ausbilder Klaus M. wurde zur Ausbildung des S befragt. Klaus M. räumt ein, dass bei Erteilung des Spritzenscheins kein besonderer Schwerpunkt auf die Desinfektion gelegt wurde, weil dies doch ohnehin zum 1 x 1 des Berufs gehöre, was auch den Schülern bekannt sei. Man werde diese Praxis angesichts dieses Falles jedoch schleunigst ändern. Der Ausbilder M. berichtet davon, dass es bereits öfter zu Problemen gekommen sei, wenn Schüler erstmalig alleine „vor´s Bett“ müssen. Da können schon mal die Nerven versagen. Anders geht´s aber nicht. Irgendwann muss es für einen Schüler das erste mal geben.

Der weitere Krankenhausaufenthalt des K verursachten weitere Behandlungskosten in Höhe von 11.493,- €.

S befand sich am Ende seiner dreijährigen Ausbildung. Er wird als durchschnittlicher Schüler beschrieben. Er wohnt noch bei seinen Eltern und bekommt eine Ausbildungsvergütung in Höhe von 750,- €.

 

Der 77 jährige K ist erbost über die Tatsache, dass er als „Versuchskaninchen“ dienen sollte. Das hätte er von so einem renommierten Krankenhaus nicht erwartet. K hat kurz nach dem Krieg auch einmal die Krankpflegeausbildung gemacht. Da durfte nur der Arzt spritzen. Er hält es für unzulässig, dass ein Schüler spritzt. Da könnten die auch gleich operieren.


K ist bei der Barmer Ersatzkasse versichert. Die Krankenkasse will S aus übergegangenem Recht auf Schadensersatz in Höhe der Behandlungskosten in Anspruch nehmen. Der zuständige Sachbearbeiter der gesetzlichen Krankenversicherung will aus generalpräventiven Gründen nicht nur den Träger der Einrichtung, sondern auch S in Anspruch nehmen. Dies sei bereits deshalb geboten, um auch anderen Schülern deutlich zu machen, dass ihre Verantwortlichkeit für Handeln während der Dienstzeit nach Feierabend fortbesteht.

 

1. Frage           
Kann die Barmer Ersatzkasse den Schüler S wegen der Behandlungskosten in Höhe von 11.493,- € in Anspruch
nehmen ?Bitte prüfen Sie im vorliegenden Fall den/die in Frage kommenden Ansprüche.

Nehmen Sie im Rahmen der Anspruchsprüfung zu jedem Prüfungspunkt mindestens miit einem Satz Stellung.

Setzen Sie sich dabei mit der Argumentation der Beteiligten auseinander.

Wichtig ist nicht Ihr Ergebnis, sondern Ihre Argumentation !

 

2. Frage                Kann S vom Träger des Krankenhauses auf arbeitsrechtlicher Ebene verlangen, dass er von Schadenersatz-
ansprüchen freigestellt wird ? Wenn ja, machen Sie einen bezifferten Vorschlag.

Für den Fall, dass Sie bei Frage 1 der Ansicht waren, dass S nicht zum Schadenersatz verpflichtet ist, erläutern Sie bitte abstrakt die Voraussetzungen eines Freistellungsanspruchs.