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Übungsfall 8

 

Schwer daneben

 Herr W aus L, 36 Jahre alt, ca. 189 cm groß, ca. 130 kg schwer wird am 1. Juni 2003 in das Kranken-haus K in L wegen einer akuten Appendizitis in die Chirurgie eingeliefert. Herr W wird noch am selben Tag notfallmäßig operiert. Die Operation verlief ohne größere Probleme. Der „Blinddarm“ wurde ent-fernt.

Am Morgen nach der Operation befanden sich auf der chirurgischen Station 3 Mitarbeiter. Neben der Stationsleiterin A war die Schwester P und die Schülerin S anwesend. Schwester P war auf der Sta-tion Praxisanleiterin. P arbeitet erst seit dem 12. Mai auf der Station. Vorher arbeitete sie in der Augenheilkunde. Auch dort war sie bereits Praxisanleiterin. Am 12. Mai 2003 wurde S der P von A als zuverlässige und umsichtige Schülerin vorgestellt.

Nach vorrangiger Sichtung des neu eingelieferten Patienten ordnete Schwester P gegenüber der Schülerin S an, dass diese sich um den Patienten W zu kümmern habe. Hierzu gehöre insbesondere, den Patienten zu mobilisieren.

Um ca. 10.00 Uhr betrat die Schülerin S das Zimmer des Patienten W und wollte diesen bei der Mor-gentoilette unterstützen. Sie half dem Patienten W beim Aufstehen. Sie setzte ihn auf die Bettkante. Die Schülerin S hakte ihn unter und unterstützte die Aufwärtsbewegung des Patienten. Auf dem hal-ben Weg zum Badezimmer kollabierte der Patient W. Die Schülerin S war nicht in der Lage, W zu halten, so dass dieser seitwärts mit dem Kopf gegen die Wand stieß und zu Boden fiel. Die Schülerin S erinnerte sich an eine noch nie selbst erprobte aber theoretisch erlernte Technik, den Patienten an sich heruntergleiten zu lassen. Aufgrund des Gewichtes des Patienten und aufgrund mangelnder Er-fahrung, gelang ihr dies jedoch nicht. Wie sich der Vorfall genau zugetragen hat, kann weder der Patient noch die Schülerin genau mitteilen.

Die Schülerin S befindet sich im 3. Ausbildungsjahr und wiegt ca. 55 kg bei einer Größe von 1,68 m.

Durch den Sturz zog sich der Patient W eine schwere Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch zu. Infolge des Sturzes kam es zudem zu einem Narbenbruch der frisch operierten Wunde.

Der Vorfall wurde mit der Pflegedienstleitung besprochen. In diesem Gespräch waren Schwester P und die Schülerin S der Auffassung, dass der Vorfall unvermeidlich war. Für den Patienten W hätte sich ein allgemeines Lebensrisiko „eines Dicken“ verwirklicht. Der Patient W hätte mitteilen müssen, dass er noch nicht „so fit“ ist um aufzustehen.

Schwester P ist der Auffassung, dass die Schülerin S im 3. Ausbildungsjahr die übertragende Maß-nahme durchaus hätte übernehmen dürfen. Die Schülerin S hält sich für den Vorfall nicht für verant-wortlich.

Schwester P ist 47 Jahre alt, Mutter von 2 Kindern (17 und 21) und seit über 15 Jahren in dem Kran-kenhaus als Stationsschwester angestellt. Bisher gab es keine Beanstandungen. Seitens der Kollegen wird Schwester P als engagiert, souverän und zuverlässig beschrieben. Schwester P erhält monatlich ein Nettogehalt in Höhe von ca. 2.200,- €. Nach Ansicht aller Beteiligten habe sich Schwester P in der Vergangenheit als Praxisanleiterin bewährt und es bestehe keine Veranlassung dazu, dies in Zukunft zu ändern.

Der Privatpatient W will den Vorfall nicht auf sich beruhen lassen. Er verlangt von der Schwester P Schmerzensgeld in Höhe von 3.000,- € und Ersatz der Behandlungskosten in Höhe von 10.000,- €. Der Patient W nimmt allein P in Anspruch um sicher zu gehen, dass derartige Vorfälle für die Zukunft nicht mehr vorkommen. Eine Inanspruchnahme seiner privaten Krankenversicherung kommt für den Patienten W bereits deshalb nicht in Betracht, weil er eine sehr hohe Eigenbeteiligung hat.

I.                    Kann der Patient W die Schülerin S wegen Ersatz der Behandlungskosten und Schmerzensgeld in Anspruch nehmen?


 

II.                   Kann der Patient W die Schwester P wegen Ersatz der Behandlungskosten und Schmerzensgeld in Anspruch nehmen?